Sie wurden ausgezeichnet:
MedienLÖWINNEN rütteln an frauenfeindlichen Strukturen
Der Titel der Goldenen MedienLÖWIN 2026 geht an Ingrid Thurnher. Silberne MedienLÖWIN ist Eva Sager, ausgezeichnet für ihren Beitrag in der Wiener Zeitung „Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich draufhauen“. Den MedienLÖWEN erhält die deutsche Redaktion des WDR-Radiosenders COSMO (Radio Bremen) für den Podcast „Lost Sheroes – Frauen, die in den Geschichtsbüchern fehlen“.
In der Kategorie der Goldenen MedienLÖWIN wird eine Journalistin für ihr Lebenswerk, ihre Rolle als Vorbild in der Branche und ihre Durchsetzungskraft gewürdigt. Ingrid Thurnher, die 2026 die Zügel des ORF als interimistische Generaldirektorin in Krisenzeiten übernahm, verkörpert seit Jahrzehnten stets Kompetenz, Ruhe und unerschütterliche Professionalität. Sie begann ihre Karriere in der Mitte der achtziger Jahre beim Österreichischen Rundfunk und blieb bis heute – als langjährige Moderatorin der „Zeit im Bild“, Talkmasterin in Formaten wie „Runder Tisch“ oder „Im Zentrum“ sowie als ORF-Radiochefin. Mit ihrer haltungsstarken und verantwortungsbewussten Führung des skandalgebeutelten ORF setzt sie ein klares Zeichen dafür, dass übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen nicht mehr toleriert werden darf. Ähnlich wie beim diesjährigen Schwerpunkt des Journalistinnenkongresses – gewidmet dem Thema Neustart im Journalismus – sicherte Ingrid Thurnher für den ORF die Chance zu einem Neuanfang, statt ihn dem Niedergang zu überlassen. Die Preisträgerin musste direkt ein bisschen Schmunzeln über die Auszeichnung: „Ich freue mich sehr darüber, aber offenbar ist Krisenmanagement die neue Königsdisziplin im Journalismus geworden.“
Nominiert zur Goldenen MedienLÖWIN 2026 waren auch Ingrid Brodnig und Barbara Haas. Wer den Titel erhält, entscheiden rund 77 Journalist:innen des Landes durch Punktvergabe. Die goldene Trophäe wird von der Österreichischen Wirtschaftskammer gestiftet.
Patriarchale Grenzüberschreitungen
2026 ist die Gewinnerin der Silbernen MedienLÖWIN die Journalistin Eva Sager, prämiert für ihren Beitrag „Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich draufhauen – Machtmissbrauch in der Medienbranche“, erschienen in der Wiener Zeitung. In der Kategorie der SilberLÖWIN wird der Preis, der dank Unterstützung von AGRANA verliehen wird, für einen journalistischen Beitrag mit Frauenschwerpunkt vergeben.
Eva Sagers Artikel thematisiert sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch im journalistischen Arbeitsumfeld – ausgerechnet in einer Zeit, zu der die öffentliche Aufmerksamkeit sich der Medienbranche nach dem Bekanntwerden prominenter Fälle zuwendet. So richtet die Wiener-Zeitung-Journalistin den Blick auf die sich hinter diesen Dynamiken lauernden Machtstrukturen. Die Jury schätzte insbesondere die Dramaturgie des Beitrags, der mit einer Reihe schonungslos offener persönlicher Geschichten eröffnet wird und sich anschließend der fundierten Problemanalyse widmet. Zur Erläuterung der Auswahl von Sagers Beitrag sagt eine Jurorin: „Wenn Journalismus eine Säule der Demokratie sein
will, darf er nicht nur den Machtmissbrauch aufzeigen, sondern muss auch die Machtstrukturen dahinter ansprechen. Der vorliegende Beitrag tut das.“
Eva Sager, ehemalige YoungStar beim Journalistinnenkongress, zählte bereits zu den Top „30 unter 30“ Journalist:innen in Österreich 2025 und wurde zur Journalistin des Jahres in der Kategorie „Aufgefallen“ gewählt. Sie freut sich über die Anerkennung, die das von ihrem Beitrag hervorgebrachte Thema bekommt: „Ich freue mich sehr und danke allen Frauen, die mir ihre Geschichte erzählt haben. Es gibt noch einiges zu tun! Deshalb machen wir mit einem spannenden Medienprojekt weiter.“
Für die Silberne MedienLÖWIN waren auch Luise Hermann (ARD) und Nele Sophie Karsten (Süddeutsche Zeitung) nominiert.
Verlorene Heldinnen sichtbar machen
In der Kategorie MedienLÖWE, in der die Arbeit eines Teams gewürdigt wird, das sich durch besonders frauenfreundliche, -unterstützende und -stärkende Berichterstattung auszeichnet, ging der Preis an COSMO (Radio Bremen/WDR) für die Podcast-Reihe „Lost Sheroes“. Die Serie macht weibliche Vorbilder aus der Geschichte sichtbar, erweitert historische Perspektiven und zeigt, dass Frauen seit Jahrhunderten gesellschaftliche Entwicklungen entscheidend mitgestalten. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum so zahlreiche Frauen trotz ihrer außergewöhnlichen Leistungen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind.
Die Jury hob besonders hervor, dass zahlreiche Momente von Schlüsselerkenntnissen in eine lebendige, zeitgemäße und unterhaltsame Sendungsgestaltung eingebettet wurden. Milena Straube, die für das Team die Trophäe empfing, bedankte sich für diese Würdigung: „Ich freue mich für das ganze Team, das passt so gut. Wir brennen für das Thema so sehr. Vielleicht schaffen wir mit diesem Motivationsschub sogar einen Neustart. Leider ist unser Podcast von Einstellung bedroht.“
Für diese, von den Österreichischen Lotterien unterstützte Kategorie, waren auch das österreichische Magazin profil und die Medienplattform „Welt der Frauen“ nominiert.
Die Einreichungen, ein dichtes Stimmungsbild
Die MedienLÖWINNEN zeigen jedes Jahr, welche Missstände das Leben von Frauen gerade prägen, und 2026 hat sich dieses Bild weiter verhärtet. Die Einreichungen veranschaulichen nicht mehr nur einzelne Fälle von Machtmissbrauch, sondern benennen immer deutlicher die frauenfeindlichen Machtstrukturen, die Benachteiligung und Verletzung erst möglich machen.
Juryvorsitzende Elisabeth Pechmann resümiert: „Die vielen Einreichungen zu MedienLÖWINNEN geben Jahr für Jahr ein dichtes Stimmungsbild. Sie sind ein guter
Indikator für die aktuelle Standortbestimmung zu Feminismus und Gleichstellung. Leider wird auch heuer wieder deutlich, dass die Richtung definitiv nicht stimmt.“
Die MedienLÖWINNEN wurden am 3. November 2026, dem Vorabend des jährlich stattfindenden Österreichischen Journalistinnenkongresses im Haus der Industrie bei der festlichen Gala überreicht. Mit den Auszeichnungen zu MedienLÖWINNEN werden Jahr für Jahr herausragende Journalistinnen hervorgehoben, die Rolemodels für den Neuanfang und den Nachwuchs des Journalismus sind.
Von Monika Pichler und Sophia Tiganas (YoungStars)